Inspiration Montessori

Montessori unter Geschwistern // Gastbeitrag von Emil und Mathilda

19. April 2017

Susan vom liebevollen Montessori-Blog Emil und Mathilda beantwortet heute ein paar Fragen zum Theme Montessori unter Geschwistern – danke, dass du dir die Zeit genommen hast und für den Input.

Liebe Susan, wo hast du das Montessori-Konzept kennengelernt und seit wann gehört es zu eurem Familienleben?

Mein Erstgeborener, Emil, war sehr schwer krank als er auf die Welt kam. Er musste zweimal operiert werden und lag sehr lange auf der Kinderintensiv-Station. Als wir ihn dann endlich mit nach Hause nehmen durften, verspürte ich ein enormes Angstgefühl. Angst ihm könnte wieder etwas Schlimmes passieren, Angst dass die wichtigen ersten gemeinsamen Stunden, Tage und Wochen die uns fehlten, eine enge Bindung zwischen uns für immer verhindert hätten. Was mir damals nicht bewusst war, ich übertrug diese Angst auf meinen Sohn. Ich ließ ihn nie aus den Augen und ich habe ihm jede noch so kleine körperliche Anstrengung (z.B. wenn er ein Spielzeug erreichen wollte) sofort abgenommen. Der Moment kam an dem mir schmerzlich bewusst wurde, was ich Emil mit meiner übertriebenen Angst angetan hatte und wie sehr ich sein Wesen durch meine Angst unterdrückt hatte. Ich war die klassisch Suchende: Selbstständigkeit und Freiheit für Kleinkinder, was ich fand war Montessori und es ließ mich nicht mehr los. Das ist mittlerweile schon gute 3-3,5 Jahre her. Ich wollte einfach alles ganz genau wissen, absolvierte ein Montessori Diplom und lerne bis heute ständig Neues dazu.

Welche Herausforderungen siehst du persönlich bei der Umsetzung zu Hause und welche Tipps kannst du Neulingen geben?

Etwas was ich selbst nur allzu schnell erfahren durfte: es geht nicht von heute auf morgen. Im Gegenteil, wir selbst erleben es eher als einen stetig andauernden Prozess. Die Umgebung wächst mit den Kindern und ihren Interessen und Fähigkeiten sozusagen mit. Es braucht Zeit, immer Schritt für Schritt und stets reflektieren wie euer Kind auf die Veränderung reagiert – ob und wie es die Neuerungen annimmt.
Am wichtigsten ist dabei die Beobachtung des Kindes im Alltag – womit beschäftigt es sich am liebsten, wo liegen die Interessen? Wo treten vielleicht Hindernisse für das Kind auf? In welchen Momenten benötigt das Kind die Hilfe eines Erwachsenen und was könnte man verändern damit es eigenständig und zu jeder Zeit das tun kann, was es gerade braucht. Begebt euch auf die Höhe eures Kindes und schaut euch im Raum um – kommt ihr allein an eure Lieblingshose im Schrank? Sind die Bilder an der Wand im Kinderzimmer auf eurer Augenhöhe? Hat alles seinen festen Platz damit ihr es jederzeit sofort wiederfindet, oder fliegt alles lose durch die Gegend? Spielt ihr aktuell mit all den Sachen im Raum oder könnte man etwas reduzieren?

Ich sehe die hübschen Arbeitsmaterialien und frage mich sofort – und was ist mit dem krabbelnden, kleinen Geschwisterchen?

Die Kleinen schmeißen alles um oder räumen es aus und lutschen daran herum. Daraufhin bekommen die Großen die Krise und eine Lösung muss her. Dabei spielt allerdings so viel mit hinein: der Altersabstand, die räumlichen Gegebenheiten, der Geduldsfaden der großen Geschwister… Unsere Jungs teilen sich beispielsweise ein Zimmer und sie suchen auch einander – es wäre für uns nicht in Frage gekommen, dass ich Oskar im Wohnzimmer einen kleinen eigenen Bereich eingerichtet hätte, sodass Emil im Kinderzimmer für sich sein kann. Vollkommen ausgeschlossen und so durfte Emil entscheiden, was mit seinen Sachen vorerst geschehen soll. Es waren schließlich seine Sachen, die nun immer mehr Aufmerksamkeit vom kleinen Bruder bekamen. Er entschied sich zunächst für „einfach höher stellen“ damit Oskar nicht mehr so leicht rankam. Klappte auch ganz gut, allerdings nur ein paar Wochen. Schließlich entschied er, dass wir für Oskar gefährliche Spielsachen (wegen verschluckbarer Kleinteile) erstmal gegen ungefährliches Austauschen. Aber auch Oskar bekam seine ganz eigenen Möglichkeiten der Beschäftigung im gemeinsamen Kinderzimmer. Ich stelle ihm eigene Körbchen zusammen, die er in aller Ruhe ausräumen durfte und schaffte so kleine Alternativen. Aber Hand auf’s Herz in dieser Situation gibt es wohl kein Allheilmittel und diese Krabbelphase empfand ich persönlich auch als die anstrengendste Zeit für alle Beteiligten.

Wie kann die Montessori-Pädagogik die Beziehung zwischen Geschwistern stärken?

Sich selbst zurücknehmen, sodass das Kind zum Vorschein kommen kann, es seine eigenen Erfahrungen machen darf um an ihnen zu wachsen – ist ein ganz wesentlicher Gedanke in der Montessori Pädagogik und dieser kommt auch der Geschwisterbeziehung zu Gute. Ich persönlich empfand es auch einfach als sehr wichtig, dass meine Jungs ihre Konflikte stets untereinander austragen dürfen. Ich hatte manchmal das Gefühl zwischen den beiden vermitteln zu müssen, um beispielsweise einen Streit zu schlichten. Doch eigentlich sind es doch die beiden, die eine Beziehung zu einander aufbauen wollen und das können sie am besten, wenn ich mich zurücknehme. Das verläuft natürlich nicht immer reibungslos doch auch damit dürfen sie umgehen lernen. Kinder lernen so viel besser untereinander und voneinander als von Erwachsenen. Die Jüngeren himmeln die großen Geschwister regelrecht an und eifern ihnen nach wo sie nur können. Die Großen nehmen hingegen oftmals eine „Lehrer-Position“ ein und erklären, zeigen und wiederholen dadurch Tätigkeiten, die sie für sich eigentlich schon längst abgehakt hatten. „The greatest gift our parents ever gave us was each other“ die Geschwisterbeziehung von Tag zu Tag wachsen zusehen, ist für mich das größte Geschenk.

Welches Material nutzt du gerne für beide Altersgruppen?

Es gibt so viele tolle Spielsachen, die auch über Jahre hinweg nicht langweilig werden, weil sie einfach mit den zunehmenden Fähigkeiten der Kinder mitgehen. Schleichtiere, Eisenbahn, verschiedene Musikinstrumente und die klassischen Holzbausteine. Bei so vielen Materialien entdecken meine Jungs ganz von allein neue Anwendungsmöglichkeiten, weil sie es wohl aus einem ganz anderem Blickwinkel betrachten als ich es ursprünglich für sie gedacht hatte. Auch inspirieren sie sich oft gegenseitig mit ihrer ganz eigenen Herangehensweise und schaffen es so, dass ein Material auch für den jeweils anderen wieder interessanter wird. So baut der eine den allerhöchsten Turm, während der andere die Steine lieber in einer Reihe anordnet, was wiederum den ersten dazu bringt kurze Reihen zu legen und so erstmal alle durchzuzählen.

Mehr rund um Montessori findet ihr hier:

[laurel_index title=“Montessori“ cat=“montessori“ cat_link_text=“Mehr“]

  • neanoa
    19. April 2017 at 17:33

    Was für ein toller Artikel, mag ihren Blog auch sehr. Und schön liebe Saskia, dass während der ‚Babypause‘ dein Blog trotzdem weiterlebt. Da sieht man wie fest er dir wohl am Herzen liegt. Alles Liebe!